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Fachbericht

PBM bei trockener AMD: Was ist gesichert und was bleibt offen?

Ein Sachstandsbericht zur Photobiomodulation bei trockener altersbedingter Makuladegeneration – basierend auf einem Fachartikel von Dr. Georg Gerten in den Ophthalmologischen Nachrichten (04/2026). Ein Überblick über die aktuelle Evidenz, regulatorische Einordnung und die Bedeutung der MACULIGHT-Studie.

13. April 202610 Min. Lesezeit

Hintergrund: Fachdialog in Bochum

Im Februar 2026 organisierte der Verein Rheinisch-Westfälischer Augenärzte eine Dialogsitzung in Bochum, um den aktuellen Stand der Photobiomodulation (PBM) bei trockener altersbedingter Makuladegeneration (AMD) zu diskutieren. Die zentrale klinische Leitfrage: Reicht der postulierte Mechanismus aus, um Funktion und Progression messbar zu beeinflussen?

Anlass war die wachsende internationale Aufmerksamkeit nach der FDA-Autorisierung des Valeda Light Delivery Systems – des ersten zugelassenen PBM-Geräts zur AMD-Behandlung in den USA. Dr. Georg Gerten, Augenarzt aus Köln und MACULIGHT-Studienprüfer, fasste den aktuellen Wissensstand in einem umfassenden Sachstandsbericht für die Ophthalmologischen Nachrichten (Ausgabe 04/2026) zusammen.

Seine Einschätzung: Zwischen Aufbruchstimmung und methodisch nüchterner Einordnung braucht es eine differenzierte Betrachtung. Dieser Artikel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen.

Originalartikel in den Ophthalmologischen Nachrichten 04/2026 (Special AMD/Netzhaut)
Originalartikel in den Ophthalmologischen Nachrichten 04/2026 (Special AMD/Netzhaut)

Warum PBM? Wirkmechanismus und Evidenz

Photobiomodulation beschreibt die Anwendung niedrigenergetischen Lichtes in definierten Wellenlängenbereichen, um zelluläre Prozesse zu modulieren. Als plausibler biologischer Ansatz gilt die Absorption durch intrazelluläre Photoakzeptoren, insbesondere Cytochrom-c-Oxidase, mit nachgeschalteten Effekten auf mitochondriale Funktion, ATP-abhängige Prozesse und ROS-Signalwege. Gerade für die metabolisch hochaktive äußere Netzhaut und das retinale Pigmentepithel, die in der Pathophysiologie der AMD eine zentrale Rolle spielen, erscheint dieser Wirkpfad attraktiv.

Plausibilität ist jedoch nicht mit klinischem Nutzen gleichzusetzen. Die publizierte Evidenz ist umfangreich, aber heterogen: Kollektive (AMD-Stadium, Ausmaß der geographischen Atrophie), Endpunkte (bestkorrigierter Visus, Kontrast, Low-Luminance-Parameter) und physikalische Parameter unterscheiden sich teils erheblich. Das erschwert direkte Vergleiche.

Als zentrale Zulassungsstudie gilt die Sham-kontrollierte LIGHTSITE-III-Studie (NCT04065490) – ein prospektives, multizentrisches, randomisiertes, doppelt maskiertes Design. In der 13-Monats-Analyse wurde der primäre Endpunkt (BCVA) statistisch signifikant erreicht mit einer Zwischengruppendifferenz von 2,4 ETDRS-Buchstaben. Ein geringer Buchstabengewinn ist allerdings differenziert zu interpretieren, da Sehschärfe und Photorezeptorreserve nicht linear korrelieren.

Regulatorik: FDA, EU und Deutschland

Das Valeda Light Delivery System ist sowohl in Europa als auch in den USA ein zugelassenes Medizinprodukt beziehungsweise Therapieverfahren. Die FDA hat das Gerät auf Basis der kontrollierten Studiendaten aus LIGHTSITE III autorisiert. Auch die europäischen Institutionen haben die PBM-Behandlung im Rahmen der neuen Medical Device Regulation freigegeben.

Die deutschen Fachgesellschaften sind hingegen noch zurückhaltend: Sie empfehlen, das Verfahren nur im Rahmen von Studien anzuwenden. Das ist keine Ablehnung, sondern ein Aufruf zu weiteren Daten, bevor eine breite Empfehlung ausgesprochen werden kann. Die aktuelle Stellungnahme der DOG, der Retinologischen Gesellschaft und des BVA vom Juli 2025 besagt ausdrücklich, dass PBM derzeit nur in klinischen Studien angewendet werden sollte.

Warum eine Neubewertung absehbar ist

Die aktuelle Evidenz stellt eine Momentaufnahme dar. Mehrere laufende Studien werden in mittelfristiger Zeit neue Daten liefern, die die Bewertung maßgeblich verändern könnten:

1

LIGHTSITE IIIb (NCT06229665): Extensionsstudie zu Langzeit- und Intervallaspekten der PBM-Behandlung.

2

EUROLIGHT (NCT06351605): Europäische multizentrische Studie zur PBM bei trockener AMD.

3

MACULIGHT (DRKS00036803): Deutsche multizentrische Studie, die PBM als Heimtherapie untersucht – die erste Studie, die die praktische Kernbarriere der PBM adressiert: Adhärenz und Umsetzbarkeit.

Spätestens mit Vorliegen der Ergebnisse aus der MACULIGHT-Studie sollte eine Neubewertung der PBM mit dem Fokus auf Patientenselektion, standardisierten Protokollen und patientenrelevanten Endpunkten erfolgen.

Sicherheitsprofil und Heimtherapie-Konzept

In den Sham-kontrollierten Daten wurden Nebenwirkungen insgesamt selten berichtet und überwiegend als mild und transient beschrieben (z. B. vorübergehendes Verschwommensehen). Weder eine phototoxische Netzhautschädigung noch ein belastbares Signal für eine PBM-induzierte Beschleunigung atrophischer Progression wurden beschrieben. Auf Basis der bisher publizierten kontrollierten Daten zeigt PBM bislang also ein insgesamt günstiges Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil.

Ein zentrales praktisches Hindernis stellt die Adhärenz dar: Wöchentlich wahrnehmbare Termine über einen langen Zeitraum sind besonders für ältere Patienten nur eingeschränkt realisierbar. Die MACULIGHT-Studie untersucht daher das Konzept einer PBM-Heimtherapie über einen Zeitraum von zwölf Monaten. Das Studiendesign basiert auf einem intraindividuellen Vergleich zwischen Studien- und Partnerauge mit Scheinbehandlung. Als Endpunkte werden BCVA unter normaler Beleuchtung, Kontrastsehen, strukturelle Progressionsmarker sowie der Übergang zur feuchten AMD erfasst.

Die MACULIGHT-Studie wird unter anderem durch das Bundesforschungsministerium (BMBF) gefördert und an fünf spezialisierten Zentren in Deutschland durchgeführt. MACULIGHT-Therapie → | Arzt finden →

Fazit: Aus dem Experimentalstadium herausgetreten

Das Fazit des Sachstandsberichts ist klar: PBM ist durch Sham-kontrollierte Studiendaten und FDA-Autorisierung aus dem Experimentalstadium herausgetreten. Ob daraus eine breite Empfehlung folgt, hängt weniger an einzelnen Signalen als an konsistenter Reproduzierbarkeit, patientenrelevanten Endpunkten und alltagstauglicher Umsetzung.

Standardisierte Protokolle und Heimtherapiestudien könnten den entscheidenden Schritt von „Evidenz unter Studienbedingungen“ zur Versorgungswirksamkeit liefern. Die MACULIGHT-Studie ist genau darauf ausgelegt, diese Antworten zu liefern.

Für Patienten mit trockener AMD bedeutet das: PBM ist ein wissenschaftlich untersuchter, nicht-invasiver Ansatz, der international ernst genommen wird. Eine Standardtherapie ist sie noch nicht – die laufenden Studien werden zeigen, ob und für wen PBM zu einer empfohlenen Behandlungsoption wird.

Quellenverzeichnis

  1. Sadda SR. Photobiomodulation for Age-Related Macular Degeneration. JAMA Ophthalmol 2025;143(3):195–196.
  2. U.S. Food and Drug Administration (FDA). De Novo classification request: Valeda Light Delivery System (DEN230083). 4. November 2024. FDA
  3. Boyer DS et al. LIGHTSITE III: 13-Month Efficacy and Safety Evaluation of Multiwavelength Photobiomodulation in Nonexudative (Dry) Age-Related Macular Degeneration. Retina 2024;44(3):487–497. PubMed
  4. Hamblin MR. Mechanisms and mitochondrial redox signaling in photobiomodulation. Photochem Photobiol 2018;94(2):199–212.
  5. Henein C, Steel DHW. Photobiomodulation for non-exudative age-related macular degeneration. Cochrane Database Syst Rev 2021;5:CD013029.
  6. Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG), Retinologische Gesellschaft, BVA. Stellungnahme: Photobiomodulation bei AMD. Stand: 04.07.2025. DOG
  7. Rassi TNO et al. Photobiomodulation efficacy in age-related macular degeneration: a systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. Int J Retin Vitr 2024;10:54.
  8. Gerten G. Was ist gesichert und was bleibt offen? Photobiomodulation bei trockener AMD – Ein Sachstandsbericht. Ophthalmologische Nachrichten 04/2026, S. 12.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine medizinische Beratung dar. Die Inhalte basieren auf dem Sachstandsbericht von Dr. Georg Gerten in den Ophthalmologischen Nachrichten (04/2026). Bei individuellen medizinischen Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren Augenarzt. Das MACULIGHT-Gerät befindet sich derzeit in der klinischen Erprobung und ist noch nicht als Medizinprodukt für die Heimanwendung zugelassen.

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